Ich will doch nur schauen… eine sehr persönliche Abrechnung* mit der #dmexco

Glücksrittertreffen der Online-Werber

Glücksrittertreffen der Online-Werber

Für mich ist es nur Bildschirm-Shopping, aber für die Marketing-Strategen der Beginn einer Customer Journey. Also der Beginn meiner Reise vom zufälligen Gucker bis zum endgültigen Kunden, auf dem mich das Marketing begleiten will. Im Digitalzeitalter tut es das übrigens ohne mich zu fragen. Früher im Laden konnte ich auf die Frage „Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie etwas bestimmtes?“ antworten „Danke. Ich will nur schauen.“ Meistens wurde ich dann in Ruhe gelassen. Nur der Buchhändler meines Vertrauens (der übrigens rechtzeitig vor der Amazon-Krise in Rente gegangen ist) durfte kommen und flüstern „übrigens ich hab da was, das könnte sie interessieren“.

Heute bekomme ich, vielmehr mein Browser, vom Internet-Shop eine Nummer verpasst, ohne dass ich es merke und ohne, dass ich überhaupt etwas kaufe.

*Bitte Disclaimer am Ende des Posts beachten.

Vor den Vortragssäälen

Vor den Vortragssäälen

Die wird gespeichert, damit mich der Laden oder die Marke verfolgen, pardon „begleiten“, kann. Sie kennen zwar nicht meinen Namen, wissen aber, wann ich auf eine ihrer Kontaktversuche reagiere – Werbung oder sonst etwas, die mich wieder auf ihre Seite bringt.

Er weiß auch, wenn ich mich auf Seiten aufhalte, wo mich seine Werbung anspringen soll. Er bietet mir zusätzliche Infos und sogenannteMehrwerte an, damit ich wiederkomme, am besten auf seine Seite. Sein Ziel ist es, dass ich meinen Namen preisgebe und die Zustimmung zu persönlichen Kontakten gebe, zweimal, damit es für Deutschland rechtssicher ist. Danach „begleitet“ er mich mit Werbung auf Webseiten und Newslettern in meiner Mailbox.

Der Werbekuchen Internet geht auf und wird verteilt

Mein Problem ist jetzt, dass ich die Branche kenne und auf der dmexco (807 Aussteller, 470 Speaker, 31.900 Besucher) wieder besser kennengelernt habe.

Viel Luft in großen, bunten Tüten...

Viel Luft in großen, bunten Tüten…

Und da würde ich sagen: Gut, dass die Mehrheit der Menschheit im Netz nicht weiß, mit welchen Tricks, ja Tricks, es alle auf ihr Bestens, nämlich ihr Geld abgesehen haben. Letztendlich geht es natürlich um Konversion, also darum, wie es Unternehmen am schnellsten schaffen, aus reinen Bildschirm-Shoppern echte zahlende Kunden zu machen. The Economist berichtet (Nr. 8904, Special Report, S. 4), dass der weltweite Werbemarkt im Jahr 2013 500 Milliarden Dollar schwer war, 125 Millarden davon entfielen schon auf Online-Werbung, Tendenz schnell ansteigend.

Phrasendreschmaschine

Phrasendreschmaschine

Und hier überholt sich das Marketing offenbar selbst, wie die dmexco gezeigt hat: smarte KPI-Freaks, die von den technischen Möglichkeiten des Digitalen kritiklos begeistert sind; alteingessessene Werbeagenturonkels, die nochmal Morgenluft wittern, ihre Branche wieder zu alter Bedeutung zurückzuführen; Verlagshäuser, die immer noch nicht gemerkt haben, dass das Umfeld, das sie bieten, schon bis zur Bedeutungslosigkeit erodiert ist; Journalisten, die sich an Brand Journalism und Native Advertising klammern (müssen), um wenigstens noch als Content-Lieferanten bezahlt zu werden. Was das im Übrigen für meinen Job, die PR, bedeutet, hat die geschätzte Kollegin Meike Leopold in ihrem Blog auch schon anlässlich der dmexco kritisch untersucht.

 

Internet-Werbung: im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ohne Kompass unterwegs

Platzhirsche auf der dmexco und im Web

Platzhirsche auf der dmexco und im Web

Es ist der totale Aufbruch in Internet und Medien, aber keiner weiß so richtig wohin – auch auf der dmexco nicht. Im Großen und Ganzen dreht sich die deutsche Internet-Marketing-Welt um Google und Facebook und ein paar Portale, deren Nutzer noch nicht gemerkt haben, dass Bild, T-Online oder RTL-Nau nicht das Internet sind.

Party-Folgen: Stand am zweiten Morgen

Party-Folgen: Stand am zweiten Morgen

Yahoo hat mir übrigens beim Hochladen der Bilder in Flickr einen Werbebanner angezeigt, ist mir aufgefallen; von wem, darauf habe ich schon nicht mehr geachtet. Jack Wolfskin ist besser. Offenbar haben die alles gebucht, was annähernd mit Outdoor und Bergen zu tun hat, deshalb sehe ich jetzt immer Jürgen Vogel – bei Klick ist eine komplizierte Aktion dahinter; wenn ich mich da einarbeite darf ich vielleicht mir Jürgen Vogel outdoor gehen – will ich das? Bergfreunde (der Shop, nicht echte Freunde) bieten mir immer noch Schuhe an, die ich schon längst offline bei Schuster gekauft habe (abgenudeltes Beispiel, aber leider immer noch gültig).

Der Traum der Branche: eine digitales Abbild jedes Surfers

Der Traum der Branche: eine digitales Abbild jedes Surfers

Übrigens: Vertrauen in einen Hersteller oder Verkäufer oder Nachweise für ein hochwertiges Produkt wurden mir bisher nicht vermittelt. Auch habe ich nach dem zehnten Besuch einer Webseite immer noch nicht den Preisnachlass erhalten, für den ich bereit wäre zu kaufen – das wäre doch auch ein Ansatz, oder liebe Online-Shops, denn das personalisierte Targeting wird kommen. Produkt-Angebote und Werbung dafür werden immer personalisierter, da der Datenbestand über uns Bildschirm-Shopper immer besser wird. Im Übrigen gibt es dann auch kein Entkommen mehr, wir werden identifiziert, unabhängig davon, auf welchem Gerät wir online sind und in Abhängigkeit von unserem Standort. Im Econimist wird ein ungenannter Britischer Werber zitiert (Nr. 8904, Special Report, S. 4, s.o.):

Wenn die Leute realisieren, was da passiert, kann ich mir nicht vorstellen, dass es keinen Rückschlag gibt.

Wir werden es sehen.

Mit guten Geschichten zur Medien-Marke und Werbe-Ikone

Und wer sehr gute Geschichten über Menschen abseits der glitzernden Marketing-Welt lesen will, dem empfehle ich die folgenden nominierten des Reporter-Forums:

  • Die Geschichte eines Mannes, dessen Frau die einzig Vermisste der Costa-Concordia-Havarie ist;
  • Die Geschichte eines Mafia-Killers, der um seiner Familie willen zum Kronzeugen wurde und deshalb ständig mit dem Tod bedroht wird;
  • und die Geschichte eine Muslimin, die offenbar mit einer Christin verwechselt und deshalb Opfer einer Feuerattacke wurde, von der sie mühsam geheilt wird.

Das, lieber Stern, das sind die Geschichten, die ein Medium zur Marke machen – und Werbung dort lohnen (die peinlichen Sparmaßnahmen bei der Nannen-Journalistenschule hier mal gar nicht kommentiert).

Schauküche bei Gruner und Jahr

Schauküche bei Gruner und Jahr

Alles andere lese ich auf irgendwelchen Webseiten, auf denen mich die Marketing-Werbung-Digital-Spezialsten, gefühlt ziemlich sinnlos, aber dicht verfolgen.

Disclaimer: Natürlich war ich für Kunden auf der Messe, natürlich arbeite ich auch im Marketing, natürlich kann ich mich für gute Werbung (und PR) begeistern. Nur glaube ich daran, dass die heutigen technischen Möglichkeiten wesentlich intelligentere und damit wirksamere Werbemöglichkeiten bieten würden. Wenn das mit dem personalisierten Targeting besser klappen würde und ich passende, für mich wirklich relevante Inhalte bekommen würde, hätte ich nichts dagegen, meine Adresse und vielleicht noch mehr preiszugeben. Wir stehen auch in diesem Bereich noch ganz am Anfang des Digitalzeitalters. 

Soweit kommts: Bier gegen Karte...

Soweit kommts: Bier gegen Karte…

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