Mein erster Termin: Flugzeugabsturz

Mein erster Dienstwagen: Reporterfahrzeug. Zum ersten Termin musste ich noch mit dem Chefauto fahren.

Mein erster Dienstwagen: Reporterfahrzeug. Zum ersten Termin musste ich noch mit dem Chefauto. (Fotograf unbekannt, bitte melden)

Ein Flugzeugabsturz klingt dramatisch, das war er auch. Als der Münchner Flughafen noch praktisch in der Stadt lag, war (wieder mal) ein Kleinflugzeug abgestürzt, wie 1987, damals auf den McDonalds. Mehr wussten wir in der improvisierten Redaktion des neuen Radiosenders, der noch nicht sendete, auch nicht. Woher wir das wussten – natürlich vom Abhören der Konkurrenz. Der Sender war auf den Trümmern eines der ersten privaten Münchner Rocksender aufgebaut und sollte als „Tantenfunk“ dem damaligen (!) Bayern 1 Konkurrenz machen, das hieß: viel Volksmusik, viel Schlager und natürlich eine Lokalredaktion.

[Update: der Flugzeugabsturz, den ich hier schildere, war am 12. Mai 1989, mit vier Toten. Dokumentiert hier vom Münchner Wochenanzeiger]

Journalisten erzählen: Mein erster Termin

Warum ich das hier erzähle? Weil Max Kater eine tolle Idee hatte und Geschichten von Journalisten unter dem Titel „Mein erster Termin“ auf seinem Blog sammelt. Ich habe aber gesehen, dass Kollegen das Thema auch über ihre eigenen Blogs spielen, was ich hiermit auch tue.

Das Praktikum, erste Lektionen in Journalismus

Für mich war früh klar, dass ich Journalist werden will, motiviert dazu hat mich die tägliche Zeitungslektüre, seitdem ich lesen konnte. Begann ich am Anfang mit dem Vermischten, dann dem Lokalen, kamen dann späte Politik und Wirtschaft hinzu. Der Sportteil hat mich allerdings nie sonderlich interessiert.

Ein kurze Orientierung während des Zivildienstes, Zeit hatte ich ja schließlich dauerte der damals 24 (!) Monate, ergab, dass ohne Praktika gar nichts im Journalismus geht. Also heuerte ich gleich nach dem Zivildienst bei der Landkreisausgabe der Süddeutschen Zeitung an.

Meine ersten Termine dort: die Versammlung des Wasserzweckverbandes („Wir begrüßen auch die Vertreter der Presse.“ Ich schaute mich um, war aber tatsächlich selbst gemeint.) und die neue Orgel in der evangelischen Kirche. Als Einstieg in die schreibende Zunft war das ok. Dass ich die Funktionen und Vornamen der Wasserzweckverbandsvertreter natürlich nicht notierte, quittierte der Chefredakteur mit einen „typisch“ und hängte sich selbst ans Telefon. Entsprechend anders als das, was ich erlebt habe, las sich anschließend der Bericht von der Versammlung. Der vierseitige Sonderteil zur neuen Orgel ist auch nie erschienen, sondern wurde auf einen schnöden Dreispalter heruntergekürzt – so sind sie, die ersten Lektionen im Journalismus.

Mir war relativ schnell klar, dass „das Lokale“ im Kleinen nicht meine Baustelle ist. Das Engagement der Redakteure damals bewundere ich heute noch – viele von ihnen haben übrigens nach der Wende „rübergemacht“, sind also in den Osten gegangen um dort den westdeutschen Verlagen zu helfen, neue Zeitungen aus dem Boden zu stampfen. Meiner Erinnerung nach waren sie damit mittelfristig nur leidlich erfolgreich. Ausgerechnet „meinen“ ersten Chefredakteur sollte ich übrigens Jahre später in ganz anderer Funktion wieder treffen – und dann sogar lange Jahre mit ihm zusammen arbeiten.

Abenteuer Volontariat beim neuen Privatfunk

Waren Sie jemals besser informiert, haben Sie jemals mehr Musik gehört." Jingle aus den 1990ern

„Waren Sie jemals besser informiert, haben Sie jemals mehr Musik gehört.“ Jingle und Werbeaufkleber aus den 1990ern

Ich entschied mich für ein berufsnahes Studium und klapperte Universitäten ab. Natürlich nur in Studienführern und Handbüchern, Internet gab es ja „damals“ noch nicht. Die „Einführung in den praktischen Journalismus„, meine Bibel von damals, erscheint übrigens immer noch. Mittlerweile in der 19. aktualisierten Auflage 2013, finde ich sie immer noch gut, auch wenn sie zwangsläufig das Thema „Internet“ etwas stiefmütterlich behandelt. Wer aber „was journalistisches mit Medien machen will“ ist damit immer noch gut beraten.

Die Vermarktung war wichtig. Die Kaufland-Postille unser bevorzugtes Werbemedium. Dafür wurden Fotos gebraucht.

Die Vermarktung war wichtig, die Kaufland-Postille unser bevorzugtes Werbemedium. Dafür wurden Fotos gebraucht. (Fotograf unbekannt, bitte melden)

Ich entschied mich in München zu bleiben, weil mir der Studiengang Diplom-Journalistik am meisten zusagte. Von den Absagen der Journalistenschulen habe ich mich von meinem Berufswunsch nicht abhalten lassen. In München reichte mir ein einjähriges „Vorpraktikum“ um studieren zu können. Damals, in den 1990er Jahren herrschte Goldgräberstimmung bei Medienhäusern, denn Privatfernsehen und Privatradio sollte den Rundfunk zu ungeahnten Qualitäten anspornen und für noch mehr Ausgewogenheit und Lokales in der Berichterstattung sorgen. (Auch eine Privatisierungswelle, die nicht gebracht hat, was man uns erzählt hat, übrigens.) Für mich war es gut, denn ich hatte damals in München meiner Erinnerung nach fünf private Radiosender zur Auswahl, die ich alle anschrieb. Letztendlich entschied das Geld: Charivari für 400 Mark oder Arabella für 900 Mark, da überlegte man nicht lange.

Mein Bewerbungsgespräch fand übrigens mit einem Programmdirektor statt, der unter den Mischpulten kniete und selbst die Kabel abklemmte. Vielleicht ist Do-it-Yourself wirklich ein Motto meiner Berufswahl geblieben. Auf jeden Fall wurde mir glaubhaft versichert, dass wir die Nummer 1 in der Lokalberichterstattung werden wollten, und dass es aber mit der Rockmusik vorbei sei. Geld und Lokalfunk – was will man mehr. Später hörte ich dann von selbigem Programmdirektor den schönen Satz:

Privatradio ist die Fortsetzung des Kindergartens mit anderen Mitteln.

Das hätte mir zu denken geben sollen.

Wir saßen also hinter den Lautsprechern und hörten auf den anderen Sendern die Nachricht vom Flugzeugabsturz in München-Trudering, während wir Probebetrieb, wie in Echt fuhren. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie mir der Programmdirektor seinen Autoschlüssel zuwarf, mit den Worten: „Da sind wir näher dran, raus mit dir.“ Ich fuhr also mit dem blauen Golf GTI des Chefs und Aufnahmegerät Richtung Trudering; wie ich die Absturzstelle fand, keine Ahnung, ich vermute mal, dass ich einfach dem Aufgebot an Feuerwehr, Krankenwagen und Polizei folgte, was unterwegs war.

Ein Lehrstück über den Umgang mit der Presse

Als ich die ersten Einsatzfahrzeuge am Straßenrand geparkt fand, stellt ich das Chefauto ab, schaltete das Aufnahmegerät ein und ging los. Mein Ehrgeiz war angestachelt, wie oft hat man schon einen Flugzeugabsturz. Folglich hielt ich jedem, der eine Uniform trug, mein Mikrofon unter die Nase. Und das funktionierte erstaunlich gut. Von irgendwelchen Notärzten erfuhr ich, dass ein Kleinflugzeug in ein Haus gestürzt war und wohl Bewohner nicht anwesend waren und der Pilot aber nicht überlebt hat (hier verlässt mich meine Erinnerung, wer es genauer weiß, darf sich gerne melden). Das hätte so weiter gehen können, wenn nicht, ja wenn nicht…

Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter und ein seriöser Herr ohne Uniform drehte mich zu sich um und sagte in ruhigem Münchnerisch „Und wer sind Sie? Aha, einer von den Neuen. Na, wir werden uns schon noch kennen lernen. Jetzt kommens erst mal mit und dann zeig ich ihnen, wie das hier abläuft.“ Das war sozusagen mein erstes Lehrstück in Sachen PR und Pressearbeit.

Der oberste Pressesprecher der Münchner Polizei hatte mich zielsicher geortet und unter seine Fittiche genommen. Ergebnis: ich stand mit ungefähr 20 anderen Kollegen vor dem Einsatzleitungsfahrzeug und der Pressesprecher gab eine improvisierte Pressekonferenz. Für mich als Neuling hieß das ‚hinten anstellen‘, letzte Reihe. Das Gedrängel um O-Töne und Bilder war neu für mich. Kein Wort konnte ich mitschneiden und gehört habe ich auch nichts.

Damit war der Flugzeugabsturz vorbei für mich. Schließlich mussten wir um 12.3o Uhr mit den Nachrichten auf Sendung und geschnitten werden musste auch noch; geliehene Mobiltelefone im Handkofferformat setzten wir erstmals bei der Bürgermeisterwahl in München ein. Ich brauste also zurück in die Redaktion voller Stolz auf meine O-Töne, die ich vor meiner ersten offiziellen Pressekonferenz aufgenommen hatte. Auch die jungen, aus meiner damaligen Sicht ‚alten Hasen‘, die der Sender geholt hatte, fanden meine Ausbeute nicht schlecht und halfen mir schnell einen Beitrag zu schneiden, an der Schnittmaschine natürlich, nicht am PC. Dann ging der Beitrag um 12.30 Uhr natürlich als Top-News in die Nachrichten – nur gehört hat ihn niemand, weil wir ja noch im Probebetrieb waren.

 

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