Warum ein Blog keine normale Webseite ist.

Aus technischer Sicht mag diese Frage Stirnrunzeln hervorrufen, aus Sicht des Bloggers ist es aber noch erstaunlich oft erforderlich, dem geneigten Laien zu erläutern, was den Unterschied ausmacht. Letztendlich böte ja jede Webseite die Möglichkeit, Beiträge in chronologischer Ansicht darzustellen, was ja der Ursprung des Internetz-Tagebuchs, des Weblogs, war.

  • Eigentlich ist „das Blog“ (wie Puritaner noch heute artikeln) entstanden als Brücke, zwischen dem programmierorientierten HTML-Editor und einem anwenderfreundlichen Publikations-Software.
  • Das heißt, das Ziel, nämlich die schnelle und einfache Publikation steht im Vordergrund und nicht die Technik. Auch der öffentlichkeitsinteressierte Laie sollte die Chance bekommen, seine Text und Bilder schnell und einfach zu publizieren. Die Basis dafür bot das Internet, wo standardisierte Technologien kostengünstig für jedermann erschwinglich und zugänglich wurden. Eine Domain mit Webspace und den dazugehörigen Programmen gibt es für ein paar Euro und die notwendige Software (z.B. das populäre WordPress) ist oft kostenlos erhältlich und mittlerweile fast selbsterklärend.
  • Dahinter steht die Idee dessen, was man heute auch als „Demokratisierung durch das Internet“ bezeichnet, das heißt Publizieren, Veröffentlichen für Jedermann (und jede Frau). Gedanken, Meinungen, Sichtweisen, ermittelte Fakten und Bilder oder Videos (auch von Katzen) können direkt, ohne Umwege, von einem Milliardenpublikum abgerufen werden. Die Umwege waren früher Rundfunkanstalten und Verlage. Sendezentren und Druckmaschinen waren unermesslich teuer, weshalb nur Informationen das Licht der Öffentlichkeit erblickten, die von Journalisten und Redakteuren ausgewählt wurden. Sie bestimmten, was gesendet oder gedruckt wurde. Heute kann jeder, der sich an die Gesetze hält, veröffentlichen, was er möchte – zumindest in Deutschland ist das zum Glück so.
  • Damit einher geht eine neue Unübersichtlichkeit. Wenn Abermillionen von Menschen zu Verlegern und Sendeanstalten werden, wer kennt sich da noch aus. Wer findet das interessante, relevante, wie heraus. Woher weiß man, ob es stimmt. Da kommt das Grundparadigma des Internetz ins Spiel, die Vernetzung. Je besser vernetzt ein Blog ist, desto sichtbarer wird er; gleiches gilt auch für den Blogger, je besser der Urheber sichtbar ist, desto bekannter wird sein Blog. Dank der Vernetzung werden aber Fehler auch meistens schnell entdeckt; oder Inhalte können mittels Internetz schnell verifziert werden.
  • Und hier herrscht oft das größte Missverständnis im Vergleich mit einer Standardwebseite: einen Blog zu betreiben ist laufende, harte Arbeit. Arbeit, die bei einem Verlag etwa, arbeitsteilig in verschiedenen Händen lag: Für die Artikel ist der Journalist zuständig, für den Verkauf der Werbung der Anzeigenvertrieb, für den Verkauf der Zeitung das Abo-Marketing und der Vertrieb, für die Druckmaschinen der Techniker. Bei einem Blog ist in nahezu allen Fällen der Blogger in Personalunion alles: er kümmert sich um die Inhalte und um die Technik und zwischendurch muss er seinen Blog und sich selbst noch bekannt(er) machen. (Ausnahmen bestätigen mittlerweile die Regel, wenn große Blogs, die viel gelesen werden und verhältnismäßig hohe Einnahmen erzielen, mittlerweile von Autorenteams betreut werden und ihre Blogger die technische Betreuung in Expertenhände geben.)
  • Wichtig ist bei einem Blog deshalb immer die Persönlichkeit des Bloggers. Seine Handschrift ist überall sichtbar: von der Gestaltung des Layouts über den Stil der Texte und die Auswahl der Bilder oder anderer audiosvisueller Komponenten. Auch auf der inhaltlich-technischen Ebene spielt die Vernetzung eine große Rolle: Auf welche Blogs wird verwiesen, von welchen Urhebern werden Inhalte mit eingebaut, auf welche Quellen verweist man.
  • Bloggen heißt auch, sich vernetzen, wo das Vernetzen am besten geht, nämlich in Social Networks. Hier findet man seine Leser, Zuschauer, Gleichgesinnte und kann auch mal diskutieren, wenn die Diskussionen direkt auf dem Blog nicht in Gang kommen. Zudem ist die Präsenz in den Netzwerken wichtig, um seine Inhalte viral weiterzuverbreiten und andere Inhalte teilen zu können. Auch das gehört zur Arbeit des Bloggers.
  • Und nicht zuletzt findet der Austausch und die Vernetzung im echten Leben auch offline statt. Man trifft sich auf Veranstaltungen, mehr oder weniger regelmäßig und tauscht sich zum Thema seines Blogs oder zur Technik aus. Dabei trifft man andere Blogger und lernt von ihnen und gibt selbst Erfahrungen weiter, so dass hier ebenfalls ein wertvoller Beitrag zur Vernetzung stattindet – übrigens, wenn man es so sehen möchte, auch wieder zeitaufwändige Arbeit, meistens am Abend oder Wochenende.
  • Private und Firmenblogs (sogen. Corporate Blogs), die meinen, sie könnten einen Blog wie eine Webseite betreiben, werden mit ziemlicher Sicherheit scheitern. Sie werden keine, oder zumindest kaum, Beachtung finden, weil das wesentliche Element – die Persönlichkeit und die Vernetzung – fehlt. Eine Webseite ist wie das Schaufenster eines Supermarkts: großes Angebot, das marktschreierisch und unpersönlich von Plakaten herab angeboten wird. Ein Blog dagegen ist wie ein Besuch im Tante-Emma-Laden: persönlich, mit ausgewählten Empfehlungen und einem Ladenbesitzer, der einlädt zu bleiben und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Da kommt man gerne wieder.
  • Abschließend muss erwähnt werden, dass ein Blog im Jahr 2016 nicht unbedingt so aussehen muss, wie meiner hier. Es gibt Blogs, die die chronologische Sortierung nicht mehr in den Vordergrund stellen, sondern statt dessen auf inhaltliche Sortierung setzen; die aussehen, wie ein buntes Magazin und nicht wie ein fortlaufender Strom von Artikeln. Was ich damit zum Schluss sagen will: nicht das Design und die Technik machen den Blog aus, sondern die Haltung des Bloggers, das ist der Unterschied zur normalen Webseite.
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