weintagebuch (”beta”)

Ein persönlich gehaltenes Weinnotizbuch, das, dank Internet, nicht verloren gehen kann.

Weinproben und Pressefreiheit

Gepostet von: Markus

Ein Fundstück aus dem Archiv: Diese Antwort auf eine Frage in einer älteren Ausgabe der Zeitschrift Divino ist nie abgeschickt worden. Nach meiner Erinnerung ging es darum, dass die Redaktion von Divino nach einer Berichterstattung über eine Weinprobe im Hause Dallmayr von einer der folgenden Proben “ausgeladen” wurde (es ging wohl um diesen Beitrag: http://www.divino-muenchen.de/dallmayr.htm), . Die Frage war, inwieweit die Ausladung zu der Weinprobe mit der Pressefreiheit vereinbar sei. Leser wurden aufgefordert, Ursachenforschung zu betreiben. Hier ist meine Antwort nun, spät, aber doch und besser als nie:

“Als Public Relations Experte (allerdings für die Computerbranche), kann ich mir folgenden Hintergrund für die “Ausladung” vorstellen:

Der Artikel stellt ein Weinritual grundsätzlich in Frage, das für Händler viel Geld bedeutet, weil es die Bedürfnisse unkritischer, zahlungskräftiger Kunden befriedigt: Man gehört zu den auserwählten Ersten, die probieren dürfen, was andere nicht mal aus der Flasche bekommen (oder sich leisten können), es wird bewertet und wer in der Summe die meisten Parker- oder Dallmayr-Punkte eingekauft hat, ist nach Punkten der Beste. Über Geschmack dagegen kann (und muss) man sich streiten, Punkte dagegen sind eindeutig. Kritische Weintrinker geben dem eigenen Geschmack oder Vorstellungen vom Wein den Vorzug und dazu gehört weder, dass man einen Wein nach dem beurteilt, was aus dem jungen Fass kommt, noch wieviel Punkte er hat. Keine Chance für den jungen, erfolgreichen, aber ungeübten und vielleicht auch zu unkritischen Weintrinker zur Selbstdarstellung. Wenn also nicht ausgerechnet das Haus Dallmayr als Beispiel für die Generalabrechnung mit Subskription und Punkten hätte herhalten müssen, vielleicht würden Sie dann auch heute noch von Dallmayr eingeladen. Und nebenbei gesagt: rein aus Vergleichsgründen bin ich natürlich schon neugierig, welchem Fass oder welcher Flasche die meisten Punkte gegeben werden bzw. welches Tröpfchen die höchsten Preise erzielt. Umso mehr freut man sich danach nämlich über so manchen Geheimtipp seines Weinhändlers, über selbstentdeckte Winzer im Urlaub oder über die Qualität des offenen Roten.

Noch eine Anmerkung sei zum Schluss gestattet: Wer sich in Zusammenhang mit Einladungen zu Champagner-Proben auf das hohe Gut der Pressefreiheit beruft, sollte entsprechend hohe Maßstäbe auch an die journalistische Qualität seiner Zeitschrift legen. Warum taucht ausgerechnet zu einem Bericht über die 20-Jahr-Feier von Jacques Weindepot eine Werbung desselben auf? Warum wird im Artikel Toni Wallner als unabhängiger Experte an einer Weinschule ins Spiel gebracht, wo er doch der Partner des gemeinsamen Weinhandels mit Kursleiter Tom Engelhardt ist (nichts gegen die beiden, deren Kompetenz und Weinauswahl bei falstaff wir sehr schätzen)? Diese handwerklichen “Schnitzer” lassen mich jedoch skeptisch sein, was die Glaubwürdigkeit der Berichte angeht, bei denen ich die Details nicht so genau kenne - nicht nur bei Divino, sondern bei jeder Weinzeitschrift, eigentlich jedem Verlagsprodukt und im Internet erst recht.”

Sollte ich den zu Grunde liegenden Sachverhalt falsch wiedergegeben haben, was aufgrund der vergangenen Zeit möglich ist, bitte ich um Entschuldigung und Korrektur an dieser Stelle.

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