weintagebuch (”beta”)

Ein persönlich gehaltenes Weinnotizbuch, das, dank Internet, nicht verloren gehen kann.

Weinrallye #8: Etiketten - ich bin neu hier

Posted by Markus

Wie immer ist aller Anfang schwer: wo stehen die Regeln, was schreibe ich, damit die anderen nicht denken…oder erst recht denken… Egal, ich habe es mir vorgenommen, also mache ich diesmal nicht nur als Zuschauer, sondern als Teilnehmer mit. Diesmal soll es nach einem Aufruf von “weingut - lisson: ein winzertagebuch” um Etiketten gehen.

imageDer erste Schritt geht in den Keller: warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah - hoffentlich auch, was das Etikett angeht. Doch meine Erwartungen werden zunächst enttäuscht, wir sind scheinbar keine Etikettentrinker (mehr). Alles eher klassisch, wenig Auffälliges oder gar Etravagantes, außer ein paar Südafrikaner mit vergoldeten Landschaftsimpressionen und Neumeister mit einem Miniaquarell.

Doch da fällt der Blick auf eine unaufgeräumte Kiste Einzelflaschen. Nach dem Griff zu den sizilianischen Roten, die auch nicht aufregend sind (vom Etikett her gesehen), schließlich der Volltreffer

  • eine klassische Bordeauxflasche (wahrscheinlich dunkelgrün, ist nicht zu erkennen, weil die Banderole so lang ist),
  • rote Banderole ohne jegliche Beschriftung, selbst ohne Aufreißnippel oder wie das Ding heißt
  • und sonst nur ein weißes Etikett mit schmalem roten Rahmen und rechtsbündig dem silbergrauen Aufdruck (14 Punkt-Schrift) Palmela DOC, darunter in Rot (gleiche Farbe wie Banderole und Rahmen, 18 Punkt-Schrift) geprägt Tentacao (jetzt kann der Computer das Häkchen unter dem c und die Welle über dem zweiten a nicht). Absolutes Highlight ist der in silber geprägte (!) Kussmund, der das linke obere Viertel des Etiketts dominiert.
  • Erwähnung finden sollte noch, dass sich alle weiteren Angaben auf einem eher geschäftlich, schmucklosen Etikett auf der Rückseite befinden (Produzent: Casa Ermelinda Freitas, Strichcode, Duales System, Angaben zu Mengen (750 ml) und Alkohol (14%) sowie tinto red wine 2003) und die erläuternde Beschreibung (auf Portugiesisch und Englisch), die ich hier zitieren möchte.

Im übrigen sitze ich immer noch vor der geschlossenen Flasche…was ich jetzt ändern sollte, schließlich will der Rote ja noch etwas Luft und Wärme, wenn er schon direkt aus dem Keller in den Scanner kommt. Apropos, wie bringt man übrigens ein Etikett von einer gewölbten Flasche auf einen flachen Computerbildschirm…Fragen über Fragen, die sich mit der Weinrallye auftun…ich gehe jetzt zum Korkenzieher. Bis ich wieder zurück bin hier also die angekündigte Beschreibung der Flaschenrückseite:

This wine is 100% Castelao [schon wieder Welle auf dem zweiten a], from vineyards with more than 30 years. It aged in French Oak Half Barrels.

kapselundkorkenBeim Öffnen fiel mir gerade auf, das die Kapsel oben noch mit einem eher schlichten Traubensymbol geprägt ist. Ansonsten ist von einem langen, schmalen weichen Korken zu berichten, in den der Korkenzieher wie Butter hineinging und der, ebenfalls wie Butter, herauskam.

Exkurs zur Rebsorte Tentacao und DOC Palmela

Da Portugal nicht unser Spezialgebiet ist, hier noch ein kurzer Einschub dazu, was ich jetzt gleich einschenken werde.

Der nach der gleichnamigen Stadt benannte DOC-Bereich liegt auf der portugiesischen Halbinsel Peninsula Setúbal im zentralen Westen Portugals nahe der Hauptstadt Lissabon. Er umfasst die Stadtbezirks-Bereiche von Palmela und Setúbal und zählt zur Region Terras do Sado, so Wein-Plus.de. Diese Halbinsel, die nach dem Fluss Sado benannt wurde, ist geprägt durch ihre Nähe zum Atlantik, schreibt portugal-reiseinfo.de. Trockene Weißweine, klassische Rotweine und Muskateller werden produziert. Der bekannteste Muskateller aus der Region Setúbal ist der Moscatel Roxo, der erst nach 20-jähriger Kellerreifung auf den Markt kommt, ergänzt Wikipedia.

Zur Rebsorte spuckt das Wikipedia nicht so viel aus: Die rote Rebsorte Tinto Cão ist eine autochthone Sorte aus Portugal. In den 1990er Jahren wurde ein bestockte Rebfläche von 1.059 Hektar erhoben. An der University of California in Davis gibt es Versuchsanpflanzungen und in Kalifornien gibt es kleinere Flächen (ca. 20 Hektar). Erwähnenswert vielleicht noch die Charakterbeschreibung von oldport.de:

Sie gilt heute als eine der besten portugiesischen Rebsorten und wird vor allem am Douro angebaut. Sie ist ganz besonders dickhäutig und widerstandsfähig und bringt dichte, kräuterige Weine hervor - besonders auf den schieferigen Anhöhen des Douro. Die Aromen erinnern an Zimt und Anis. Eine tolle Note aúch in Portweinen, in denen Tinto Cao eine der wichtigen Rollen spielt.

Und jetzt der Geschmack

Gemein, während ich hier so tippe und surfe, habe ich schon zwei Schlucke getrunken:

Tiefes Kirschrot fällt mir auf, aber nicht zu dunkel und dicht. Zum Glück ist der Wein (noch nicht) zu warm, denn wahrscheinlich würde der Alkohol sonst die zunächst undifferenzierten Würznoten völlig überdecken, bei besserem Belüften mischt sich ein Hauch Kirsche unter die Würze.

Im Mund spielt sich dann ein Beißen aus Tanninen und Alkohol ab, das einen leichten Pelz auf der Zungenspitze und den Lippen hinterlässt. Süßholzwurzel ohne süß zu sein, strenges Leder, schwarze Pfefferkörner. Ein starker, ungezähmter Wein. Keine feingliederige Komplexität.

Nach einiger Zeit im Glas fällt das Ungezähmte etwas ab und die Noten werden differenzierter, der deutliche, aber nicht aufdringliche, starke Alkoholgehalt von 14% bleibt spürbar.

Jetzt bin ich gerade etwas überfordert: zu was trinkt man so einen Wein? Als Solowein zu ungestüm, als Essensbegleiter zu stark…?

Aber das Etikett ist den Preis wert: 11,80 Euro bei weindeko.de (wir haben unsere Flasche auf dem Forum Vini in München bestellt).

- ohne Worte -

weinrallye tentacao

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