Die Wiesn – wahrlich eine fünfte Jahreszeit

Die chinesische Tourismusbehörde grüßt die Oktoberfestbesucher in München, gesehen in der Fraunhofer Straße.

Die chinesische Tourismusbehörde grüßt die Oktoberfestbesucher in München, gesehen in der Fraunhofer Straße.

Meine Ironblogger-Kollegin Alexandra Lattek hat die Blogparade zum 182. Oktoberfest angezettelt und mich dann auch noch persönlich eingeladen, daran teilzunehmen. Die Einladung nehme ich gerne an, zwingt sie doch, sich eine abschließende Meinung zu bilden. Schließlich geht das (nach eigenen Angaben?) größte Volksfest der Welt in einer guten Stunde zu Ende. Und ich habe keine Hendl-Story zu bieten und auch bei den Schützen bin ich kein Gast gewesen.

Aber ich wurde bei einem von meinen drei Wiesn-Besuchen dieses Jahr von einem Gast jenseits des Weißwurschtäquators gefragt: Wie finden Sie (nicht du, so gehts schon los, aber vielleicht ist das bei einer geschäftliche Einladung zu Mittag in „den Käfer“ so) als Münchner das Oktoberfest? Ja, wie finde ich die Wiesn eigentlich? 

Wiesn bei Nacht und Regen #instawiesn #latergram

Ein von Markus Pflugbeil (@markuspfl) gepostetes Foto am

 

Ich bin in München geboren, (fast nur) in München aufgewachsen, wohne und arbeite hier. Deshalb gehört die Wiesn für mich zu München wie die Frauentürme, der Viktualienmarkt, das Lenbachhaus, die Auer Dult und der Englische Garten. München ohne Wiesn, undenkbar. Dennoch: als Münchner unter Münchnern fängt man rechtzeitig an zu schimpfen: zwischen dem Ende der Sommerferien und der beginnenden Lebkuchensaison liegt in München immer noch der Trachtenverkauf. Wenn einem die einschlägigen Prospekte entgegenflattern und Dirndl und Lederhosn anfangen, die Litfaßsäulen zu zieren, weiß man, dass es wieder so weit ist. Abgesehen davon, dass das Oktoberfest natürlich seinen rituellen Kalender hat: von der Vorstellung des Plakats, über die Bekanntgabe des Bierpreises bis zum beginnenden Aufbau im Juli und den Anzapf-Übungen des Oberbürgermeisters.

Spätestens mit dem Ende der Sommerferien fängt der Münchner an, sich zu beklagen über das, was unweigerlich kommen wird: über die ausgebuchten und teuren Hotels, über die unverschämten Taxifahrer, über die hohen Wiesnbierpreise, über die Besoffenen, natürlich nur ausländischen Touristen in U- und S-Bahnen, insbesondere deren Hinterlassenschaften, über die vielen falschen Trachten und ihre Träger,  über die grölenden Horden, die spätnachts durch München torkeln auf der Suche nach der ultimativen After-Wiesn, und überhaupt über das schlechte Image, das München mit dem Oktoberfest über sich produziert. Und ich gebe zu, auch ich halte mich mit der Grantelei nicht zurück.

Trotzdem erwische ich mich bei einem gewissen Stolz, in der Stadt zu leben, die das berühmteste Volksfest der Welt beheimatet. (Man kann ja in München auch auf den mächtigen FC Bayern stolz sein, selbst wenn man dort nicht fußballspielender Millionär ist oder auf BMW, selbst wenn man die Freude am Fahren nicht erfunden hat oder auf die Pinakotheken, selbst wenn man nicht darin hängt.) Ein Stückchen Lokalpatriotismus ist also schon dabei, wenn man sich Abends mit Freunden auf der Wiesn verabreden kann, Mittags mit Kollegen dort unterwegs ist und anderntags ein „Geschäftsessen“ mit Bier aus Literkrügen zu sich nimmt. Das gibt es eben nur in München.

Insofern finde ich, dass es der Begriff „fünfte Jahreszeit“ für die Wiesn am besten trifft. Wie jede Jahreszeit ist sie absehbar, man kann vorher, nachher und währenddessen schimpfen wie man will, sie findet unweigerlich statt. Deshalb sollte man das Beste daraus machen und das ist meistens viel besser als gedacht. In dem Sinne oans, zwoa, drei: gebloggt.

Mehr Wiesn-Bilder vom letzten Jahr gibts hier.

#instawiesn heute Nachmittag, aber wenigstens hat es nicht geregnet

Ein von Markus Pflugbeil (@markuspfl) gepostetes Foto am

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7 Kommentare zu Die Wiesn – wahrlich eine fünfte Jahreszeit

  1. Sehr schöner Artikel. War dies Jahr nicht draußen, zu viel Arbeit, habe parallel eine Fotoausstellung laufen. Ich grantl auch ab und zu, das liegt uns Münchnern im Blut, so bald man sich dem Oktoberfest oder der Innenstadt mit den zu vielen Touris nähert. Zum Glück gibt es noch stille Ecken in der Stadt, die keiner kennt und nicht verbaut sind.

    • Markus sagt:

      Danke für deinen Kommentar. Klar, München bietet auch noch viel verstecktes, man darf halt als Einheimischer auch nicht zu „betriebsblind“ werden und muss sich halt auch manchmal wie ein Tourist durch die schöne Stadt bewegen – zum Beispiel auch mit Fotoapparat vor der Brust. Was für Fotos stellst du aus?

  2. Alexandra sagt:

    lieber markus, ein schöner artikel und ich freue mich, dass du bei der blogparade mitgemacht hast. ruhm und ehre ist dir gewiss, denn ich habe deinen beitrag gerade auf der FB-page vom oktoberfest geteilt :-). servus & namaste aus dem hitzigen indien, die alexandra

    • Markus sagt:

      Hallo Alexandra, danke fürs Lesen und Teilen. Gute Reise und viele Berichte und Fotos weiterhin. Über Ruhm und Ehre halte ich dich auf dem Laufenden 😉

  3. Pingback: So lief unsere Blogparade „Ozapft is“! › Münchner Momente. Das Blog des offiziellen Stadtportals.

  4. Guido Dippel sagt:

    Sicherlich ist die Wiesn ein Erlebnis. Besonders, wenn man das erste Mal dabei ist, sowie ich dieses Jahr. Allerdings muß man auch sagen, alleine auf die Wiesn ist nicht so der Brüller. Ich hatte zum Glück im Vorfeld auf den Tip meines Kollegen [LINK WEGEN WERBUNG GELÖSCHT] gehört.

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