Mehr Blogs, mehr Nischen, mehr Journalismus – Trends im Bloggen

Während sich bei 48forward die deutschen Größen des Internetz präsentierten, trafen sich am selben Abend die Praktiker auf dem Münchner Bloggerstammtisch – Bindeglied bildete Stefan Plöchinger, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, der auf beiden Podien präsent war. Es ging um nichts weniger als um die Zukunft von Blogs.

Zwei Blogger, ein Podcaster und ein Journalist

Bloggerstammtisch München: ca. 40 Blogger folgen gespannt den Trendprognosen des Podiums

Bloggerstammtisch München: ca. 40 Blogger folgen gespannt den Trendprognosen des Podiums

Wie immer beim Bloggerstammtisch schwebte über allen Themen die Frage, ob man (in Deutschland) vom Bloggen leben kann. Nach Abstimmung unter den rund 40 Zuhörern, darunter wohl ein Drittel regelmäßige Blogger, kann man die Frage schon mal mit Nein beantworten. Auf dem Podium immerhin saß einer, der über seinen Blog seinen Lebensunterhalt finanziert: Franz Neumeier, gelernter Sparkassen-Kundenberater, dann PC-Journalist und jetzt, nach unwidersprochenen Angaben, Deutschlands erfolgreichster Kreuzfahrtenblogger. Igor Josifovic dagegen erzielt mit seinen Blogs nur Nebeneinkünfte; im Hauptberuf ist er Social Media Officer bei Bosch-Siemens-Hausgeräte. Er bloggt über Inneneinrichtung und Design und ist so populär, dass er schon mal von Ikea für Filmaufnahmen gebucht wird. Mit einer Freundin in Paris betreibt er zudem noch den Blog UrbanJungleBloggers auf dem sich eine Bloggercommunity über Pflanzen austauscht. Der vierte auf der Bühne war Patrick Breitenbach: Podcaster, Netzphilosoph und zudem zurückhaltender Vertreter der (zu?) viel geschmähten Zunft der Social-Media-Berater. Geschlagene Zweieinviertelstunden diskutierten die Vier, angestachelt von den Moderatorinnen, Karin Herzter und Ellen Daniel, beide ebenfalls Bloggerinnen und Journalistinnen – stellvertretend an dieser Stelle einmal gegendert, weil es passt.

Erfolgsfaktoren für Blogger Nische und Vertrauen

Aber Bloggen ist, darüber herrschte auf dem Podium Einigkeit, keine Geschlechterfrage (auch wenn die Zuhörerschaft weiblich dominiert war). Ebenfalls einig waren sich alle darüber, dass die Zahl der Blogger weiter wachsen wird.

v.l.nr.: Ellen Daniel (Moderation), Stefan Plöchinger (Mitglied der Chefredaktion Süddeutsche Zeitung), Franz Neumeier (cruisetricks,de), Patrick Breitenbach (breitenbach.de.) und Igor Josifovic ((happyinterioriblog.de), Karin Herzer (Moderation)

Von meinem Maschinistensitz aus gesehen: v.l.n,r.: Ellen Daniel (Moderation), Stefan Plöchinger (Mitglied der Chefredaktion Süddeutsche Zeitung), Franz Neumeier (cruisetricks,de), Patrick Breitenbach (patrickbreitenbach.de.) und Igor Josifovic (happyinterioriblog.de), Karin Herzer (Moderation)

Auch darüber, dass die Chance für Blogger, erfolgreich zu werden, in der Nische liegt, herrschte Einverständnis – diese Nische, so wurde deutlich, muss aber nicht zwingend in einer thematischen Ausrichtung bestehen, sondern kann auch in der Persönlichkeit des Autors liegen. Es geht um den Menschen und das Vertrauen zu ihm – hier deutete sich bereits an, dass Ehrlichkeit und Authentizität für entscheidende Erfolgskriterien von Blogggern gehalten werden.

Der Blogger als Marke verdient Geld – wenn er/sie transparent ist

Damit können Blogger auch zur Marke werden, die sich über den Blog hinaus vermarkten lässt – wie Franz Neumeier ausführte, der mittlerweile als Kreuzfahrtexperte auch gesuchter Autor für Tageszeitungen und Zeitschriften ist, was zu seinem Einkommen als Blogger nicht unerheblich beiträgt. Umgekehrt wurde deutlich, dass Geld verdienen mit einem Blog nur möglich wird, wenn man journalistische Kriterien an sich als Blogger und seinen Auftritt anlegt. Wer zu große Nähe zu Werbepartnern oder Sponsoren zeigt, der verliert das Vertrauen seiner Leser und das ist das wertvollste, was er hat (Wie Richter derzeit das Sponsoring sehen steht hier, bei den Lousypennies gibt es einen gesponsorten Post zu dem Thema). Ganz klar wurde aber, dass Finanzierung ausschließlich über die Leser weder bei klassischen Medien (auch nicht bei der SZ) noch bei Blogs (Cruisetricks) funktioniert – zu gering und zu vage sind die Einkommensaussichten.

Der Trend zum bloggen – ungebrochen

Auf die Frage nach den Trends, vorgegeben war ein Zeitraum von „in 15 Jahren“, wurden verschiedene Aspekte angesprochen, die vermutlich alle in die richtige Richtung weisen. Stefan Plöchinger gab die Parole aus, den Ausdruck Blog und Bloggen nicht überzustrapazieren – schließlich handele es sich bei WordPress auch nur um ein Content Management System mit dem das Internet gefüllt werde. Dem Nutzer oder Leser sei es schlicht egal, wie der für ihn relevante Content ins Netz gelangt, und ob er ihn auf einem Blog oder sonstwo findet – Blogosphäre und Internet würden ununterscheidbar werden. Weitergedacht heißt das für mich: Bloggen steht eher für eine Haltung, denn für eine technische Umsetzung.

Erfolgreiche Blogger arbeiten wie Journalisten

In das gleiche Horn stieß auch Franz Neumeier: Journalistische Kriterien würden immer zählen, da es schlichtweg viele Menschen gäbe, die anderes tun müssen oder wollen, als sich stundenlang im Internet zu bewegen. Für sie sind Blogger wichtig, um Inhalte auszuwählen, zusammenzustellen (zu aggregieren), zu kanalisieren und zu bewerten. Die Plattform und technische Umsetzung sei zweitrangig. Aus der Bloggerperspektive spielt die Technik für Igor Josifovic schon noch eine Rolle: er hofft, dass es eines Tages bessere Tools fürs mobile Bloggen gibt. Bildbearbeitung sei eigentlich immer noch am Desktop am besten machbar. Zudem wünscht er sich, dass persönliche Assistenten ihm besser helfen, wenn er nach Ratschlägen von Bloggern abhängig von seinem Standort sucht. Patrick Breitenbach sieht die Zukunft der Blogs in der Globalisierung, nämlich dann, wenn Übersetzungshelfer so gut werden, dass sie Sprachbarrieren wirklich überwinden können und damit Inhalte weltweit konsumiert werden können. Gleichzeitig stellte er die Frage, wie die Denkprozesse des Menschen sich ändern, wenn die Eingabe von Inhalten nicht mehr über Maus und Tastatur erfolge. Kurz machte der Begriff „Google Glass“ die Runde. Zudem ist er der Meinung, dass sich Fotos und Filme zunehmend auch Blogs dominieren werden. Er betonte zudem nochmal die Bedeutung der Nische „Sie wird nie zu Ende sein.“

Andere Social Networks: bewundert, aber ignoriert

Thematisiert wurde abschließend auch nochmal die Bedeutung von Social Networks und anderer Social-Media-Plattformen. Für mich immer wieder erstaunlich, dass für viele Blogger offenbar nur der Blog und vielleicht noch Facebook zählt. Twitter, Instagram und YouTube werden offenbar kaum für die Vernetzung und Verbreitung von Bloginhalten genutzt, Snapchat oder Whatsapp wurden nicht mal erwähnt – allen war aber klar, dass es neben der leidlich erfolgreichen Blogosphäre durchaus finanziell sehr erfolgreiche YouTuber und Instagramer gibt – ein bisschen Neid klang hier schon heraus.

Keine Angst vor Facebook

Insbesondere Stefan Plöchinger forderte, Facebook realistisch und emotionsfrei zu nutzen, ohne seine eigene Webpräsenz aufzugeben. Facebook will „das Internet“ werden, das heißt, alle Aktivitäten seien darauf gerichtet, den Nutzer es innerhalb von Facebook so einfach zu machen, dass er die Plattform nicht verlassen müsse, so Plöchinger. Dazu zählen für ihn auch Instant Articles, auf denen Medien nun Inhalte direkt in Facebook veröffentlichen können. Franz Neumeier konstatierte, dass er exklusive, aufwändig recherchierte Inhalte nie zuerst auf Instant Articles veröffentlichen würde. Für Blogger ist wohl Facebook Notes eine Alternative, eine Aufzählung von neuen Facebook-Funktionen einschließlich des angesprochenen intelligenten, persönlichen (Facebook-Assistenten) „M“ befindet sich hier. Die algorithmenbestimmte Timeline von Facebook bezeichnete Plöchinger als „etwas zwischen Häcksler und Waschmaschine“.

Tipps in Kürze: Mehr Leidenschaft, weniger Zahlen

Abschließend durfte jeder aus der Runde, den anwesenden Bloggern noch einen Tipp für den zukünftigen Erfolg mitgeben. Stefan Plöchinger machte es kurz und klar: „Ehrlich bleiben“. Franz Neumeier forderte, nicht nur auf die Zahlen zu schauen, sondern sich auch mal bloß „aufs Bauchgefühl“ zu verlassen, man müsse sich selbst mit seinem Blog „wohlfühlen“. In die gleiche Richtung zielte Patrick Breitenbach, der dazu aufforderte „Leidenschaft zu entwicklen und zu bewahren“. Auch Igor Josifovic forderte „nicht zu verkopfen“; im Vergleich mit Bloggern anderer Länder würden die deutschen Blogger zu oft nachdenken und zu lange hinterfragen – vielleicht ist das der Grund für die vielen Kopfblogger auf dem Bloggerstammtisch (das sind die, deren Blog im Kopf längst fertig ist, aber noch darauf wartet an die Öffentlichkeit zu gelangen).

Für mich zeigte der Abend klar, dass eines der Erfolgsrezepte für Bloggen der journalistische Ansatz ist – und zwar von Boulevard über Lifestyle bis zur Nische. Offenbar gelten die althergebrachten journalistischen Kriterien für den Erfolg bei den Lesern nach wie vor. Blogger müssen sich wohl aber klar darüber werden, dass direkt mit dem Blog kaum genug Geld zum Leben zu verdienen ist. Es stellt sich also wohl für die meisten eher die Frage, ob der Blog eine Plattform sein kann, mit der man sein Hobby zum Beruf macht (Franz), oder seinen Beruf durch das Hobby ergänzt (Igor). Gute Social-Media-Berater müssen sowieso in sozialen Medien unterwegs sein, oft auch mit einem Blog, oder vergleichbaren (Patrick) und fest angestellte Journalisten haben sowieso ein Medium, weshalb der (private) Blog oft zur Nebensache wird (Plöchinger).

Und niemand stellte Blogs oder Blogger generell in Frage – das war die sehr gute Nachricht des Abends. Keep On Blogging!

Terminhinweis: Bloggerstammtisch München

Nächster Bloggerstammtisch in München ist am Montag, 15.12., um 19 Uhr im Presseclub München; mehr auf Facebook.

 

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10 Antworten auf Mehr Blogs, mehr Nischen, mehr Journalismus – Trends im Bloggen

  1. Su | ApropoSmedia sagt:

    Das sind doch gute Aussichten, auch wenn ich ein wenig das „in Frage Stellen“ des mit den Blog Geld (ausreichend) verdienen zum Lebensunterhalt in Frage stelle 😉 . Schließlich zahlen Einnahmen über Folgeaufträge aufgrund des Blogs aus meiner Sicht auch darauf ein, insbesondere wenn man Sposored Posts nicht als ehrlich ansieht bzw. eben besser weniger als mehr davon haben sollte für die Glaubwürdigkeit …

    • Markus sagt:

      Hallo Su, vollkommen richtig. Darum unterscheiden wir ja bei Diskussionen am Bloggerstammtisch auch immer das „mit“ dem Blog und „über“ den Blog Geld verdienen. Das „über“ den Blog Geld verdienen funktioniert sehr wohl, wie ja Franz Neumeier z.B. gezeigt hat, der eben über seine Reputation durch den Blog auch an journalistische Aufträge kommt. Und bei den Soschlmedia-Beratern ist das ja auch nicht unüblich. Nur die Idee, dass man rein mit seinem Blog genug Einnahmen erzielen kann, scheint, zumindest bei sehr vielen, nicht aufzugehen. Aufzuklären bleibt natürlich, warum YouTuber und Instagramer beispielsweise das schaffen und Blogger nicht. Wir bleiben dran 😉 Beste Grüße vom Ex-Kollegen

  2. Lieber Markus,
    Danke für die sehr lesenswerte Zusammenfassung.
    Liebe Grüße
    Susanne

    • Markus sagt:

      Hallo Susanne, danke für das Feedback, es war aber wirklich auch ein sehr gehaltvoller Abend mit einem gut besetzten Podium. Bis bald.

  3. inka sagt:

    „Bloggen steht eher für eine Haltung, denn für eine technische Umsetzung.“
    Wunderbarer Satz! Ich ärgere mich ein bisschen, dass der mir nicht eingefallen ist, ich bin immer neidisch auf gute Sätze.
    Danke für die Zusammenfassung und ich fühle mich bestätigt, ich habe – erstaunlicherweise fast zeitgleich – mich ebenfalls ausgelassen übers Geld verdienen, ehrlich bleiben, Leidenschaft behalten und kann da sehr konform gehen. Auch der Aussage, dass es keine thematische Nische sein muss, kann ich absolut folgen, das zeigen ja einige Lifeststyleblogger – wobei die meisten neuen Blogger da wohl in der Masse untergehen werden, so nischenindividualistisch sie auch sein mögen.
    Grüßle
    /inka

  4. Hallo Markus, Danke für den ausführlichen Bericht. In der Podiusmdiskussion steckten so viele verschiedene Aspekte, dass für jeden Zuhörer etwas dabei war. Wichtig finde ich, dass wir uns fortlaufend übers Bloggen austauschen – bei den monatlichen Treffen im Presseclub und zwischen den Terminen in unserer Facebookgruppe. Vielen Dank auch, dass du uns über Notebook und Beamer per Wunschliste, aber auch auf Zuruf immer die passenden Blogs und Webseiten zeigst. Bis bald mal wieder, liebe Grüße von Karin

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