Street Art in der Autohauptstadt

Meine lieben Ironblogger-Kollegen aus München, derzeit rund 40 Aktive insgesamt, davon 30 an der Blogparade „München“ Beteiligte, beschäftigen sich vornehmlich mit den schönen Seiten der nördlichsten Stadt Italiens. Da geht es um Berge und Seen und die angenehmen Seiten von Studentenleben und Kultur sowie leckere Brezeln, wie gestern bei Nadine und morgen bei meinem Namensvetter vermutlich wieder um Berge.

Doch manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass die lieben Münchner vor lauter Italophilie auch deren  offensichtliche Konzeptions- und erst recht Visionslosigkeit im innerstädtischen Verkehr übernommen haben. Während in den meisten italienischen Städten die mittelalterliche Innenstadt den Verkehr selbst reguliert – Auto im Dauerstau, Moped an der Seite vorbeigedrängelt, Fußgänger Verkehrshindernis, Radler gejagte Exoten – schafft sich München seine italienischen Seiten im Verkehr selbst, am schönsten am Marienplatz zu besichtigen:

Marienplatz: Nix halbes und nix ganzes führt zu Chaos für alle.

Marienplatz: Nix halbes und nix ganzes führt zu Chaos für alle.

Dass der Marienplatz und die Kaufinger Straße für den Autoverkehr gesperrt sind, wagt ja zum Glück keiner mehr in Frage zu stellen. Aber Busse, Taxen, Fahrräder und Fußgänger müssen schon noch dürfen sollen. Das tägliche 10- bis 19-Uhr-Chaos ist vorprogrammiert; Busfahrer möchte ich hier nicht sein, als Fahrradfahrer versuche ich die Marienplatz-Schikane zu vermeiden.

Aber, was soll dabei herauskommen in einem Land, in dem Freude am (Auto-) Fahren und Vorsprung durch Technik regieren. Noch dazu, wenn die Bürgermeister der Stadt, derzeit Josef Reiter und Dieter Schmidt sich mit leicht verwechselbarer CSU-Stadtpolitik á la SPD (oder umgekehrt?), sich nicht trauen, Visionen zu haben oder gar umzusetzen. Währenddessen baut London mitten auf der Uferstraße an seinem Radl-Schnellweg.

London baut am Ost-West-Super-Radl-Highway mitten in der City

London baut am Ost-West-Super-Radl-Highway mitten in der City

*** BREAKING – Update (22.7., 0.43 Uhr): Am Freitag wird angeblich eine Studie zum Potenzial von Radschnellwegen in das Umland von München vorgestellt, schreibt die Süddeutsche Zeitung heute. ***

In München werden dafür ein paar Einbahnstraßen für den Gegenradverkehr freigegeben, was für mehr Verwirrung als Entzerrung sorgt. Ich habe das Gefühl, in der Münchner Radverkehrspolitik wird immer noch gehandelt, als würden wir alle Sonntagfrüh im Frack und Reifrock nur Hochrad-Show-Radeln wie im 19. Jahrhundert. Offensichtlich gibt es in der Autostadt München (Kosten Luise-Kiesselbach-Tunnel rund 400 Millionen Euro) kein Verständnis dafür, dass es Radfahrer gibt, die mit ihrem Verkehrsmittel nicht die landschaftlich schönste Strecke fahren, sondern auch schnellstmöglich von A nach B gelangen wollen. Für die geringeren Fähigkeiten von Kindern und Senioren, dem Straßenverkehr mit Autos, Fußgängern und Radlern zu folgen, interessiert sich ja in einer Stadt, wo es selbst junge Leute nur mit Mühen schaffen, die Ringstraßen an Ampeln zu überqueren, offenbar auch keiner.

Street Art in München: Rot: so will der Straßenmaler, dass Radler fahren. Zwei Stopps, obwohl man eigentlich nur geradeaus will (grün).

Street Art (1) in München, weil Vorfahrt Autos: Rot: so will der Straßenmaler, dass Radler fahren. Zwei Stopps, obwohl man eigentlich nur geradeaus will (grün). (Kopie von Google Earth)

Wer aber will, dass die Innenstadt lebens- und liebenswert bleibt, dem wird nichts anderes übrigbleiben, als den Autofahrern zu erklären, dass fünfspurige kreuzungsfreie Ringstraßen und fünstöckige Hoch- und Tiefgaragen auf Dauer nicht die Lösung sind. Denn wenn irgendwann alles nur für die Autos zubetoniert wird, wird hier keiner mehr leben wollen.

Und die viel beschworene Schönheit Münchens beschränkt sich dann auf ausgewählte Museumsquartiere für Touristen und solche, die es sich nicht mehr leisten können, mit dem Auto „ins Grüne“ zu fahren. Und wir anderen schnallen unsere Radel aufs Auto und fahren in die Berge und wir nehmen unsere EC-Karte und fahren in das Outlet-Center und wir nehmen die Kinder und fahren ins Disneyland. Stattdessen bitte: den Verkehr mindestens aus dem Altstadtring verbannen, möglichst kreuzungsfreie und breite Fahrradachsen einrichten, z.B. parallel zur Fußgängerzone, die sich in die vier Himmelsrichtungen aus der Stadt erstrecken.

Street Art (2): Seltener Anblick: Rechtsabbiegerspur für Radfahrer

Street Art (2): Seltener Anblick: Rechtsabbieger“spur“ für Radfahrer

Ausreichend Fahrradparkplätze werden vorgeschrieben und die Einfahrt in die Innenstadt kostet natürlich für Autos Maut (in London derzeit ca. 16 Euro von 10 bis 18 Uhr), dafür wird die kostengünstige Fahrt in die Stadt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln finanziert. Einige Autohersteller könnten Glück haben, wenn sich zum Beispiel Car-Sharing-Elektroautos, gedrosselt auf 30 Stundenkilometer auf speziellen Wegen ebenfalls durch die Stadt bewegen dürften – damit könnte man größere Einkäufe erledigen, oder die Oma zum Arzt fahren.

30 Stundenkilometer sind übrigens ausreichend, denn, weil es keinen Stau mehr gibt, muss man auf den verbleibenden 200 Metern bis zur nächsten Ampel auch nicht 85 Stundenkilometer beschleunigen (Hallo Polizei? Achnö, steht in der Leopoldstraße: Radlrowdys fangen…). Die Lärmbelästigung durch getunte Motoren und Auspüffe würde sich damit ebenfalls verringern, Verkehrslärm würde wieder wie normaler Lärm gezählt und wenn einer zu laut fährt, kommt die Polizei wegen Ruhestörung, wie beim Straßenfest.

Street Art (3): Kennt sich wer aus? Der Vorteil des Fahrrads ist seine Wendigkeit auf kleinem Raum. Deshalb wird der Straßenmaler meist ignoriert.

Street Art (3): Kennt sich wer aus? Der Vorteil des Fahrrads ist seine Wendigkeit auf kleinem Raum. Deshalb wird der Straßenmaler meist ignoriert.

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31 Tage, 30 Ironblogger im Juli über München.

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2 Antworten auf Street Art in der Autohauptstadt

  1. lieber Markus,
    du hast völlig recht die Verkehrspolitik in München ist absolut hanebüchen.
    nur eine Stammstrecke für die S-Bahn, aber alles für Autos gut untertunnelt.
    auf Radl-Highways würde ich mich sehr freuen, da wäre man in nullkommanix aus der Provinz in der Stadt.

    • Markus sagt:

      Danke für deinen Kommentar. Vielleicht bleibe ich heute nach dem Lauf durch den Luise-Kiesselbach-Tunnel einfach drinnen sitzen 😉

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