Lasst euch von der Timeline nicht verar…

Gedenken vor dem französischen Generalkonsulat in München an die Opfer des Anschlags auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015. Schrecklich, dass ich das Bild nochmal hervorkramen musste.

Gedenken vor dem französischen Generalkonsulat in München an die Opfer des Anschlags auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015. Schrecklich, dass ich das Bild nochmal hervorkramen musste.

Twitter ist toll und viele andere Social Media ebenso. Trotzdem sollte man Distanz wahren und nicht gleich alles für bare Münze nehmen, was einem die Timeline so auf den Schirm spült. Selbst die kurzfristige Erregung und der Konkurrenzdruck bei den Boulevardmedien-Machern führt zu Berichterstattung und zu Kommentaren, die man im nachhinein nur als absurd bezeichnen kann.

Medienkompetenz gilt auch für Social Media

Zur Medienkompetenz (das schließt „Social-Media-Kompetenz“ mit ein) sollte es demzufolge nicht nur gehören, sich in kurzer Zeit einen seriösen Überblick verschaffen zu können, sondern auch, inne zu halten und auf den gesunden Menschenverstand zu hören.

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Zeitschriften. Medienkritik: Bergwelten und Terra Mater

Manchmal verspüre ich Lust auf Zeitschriften – vielleicht ist mir nach haptischer Lust: blättern statt klicken, beim Thema bleiben, statt surfend prokrastinieren. Auf jeden Fall stand ich einem unscheinbaren Zeitschriftenladen und griff einfach aus (wahrscheinlich auch berufsbedingter) Neugierde, unter andere, zu zwei Zeitschriften. „Bergwelten“ und „Terra Mater“.

Was mich bei beiden Ansprach, auch wenn das Grunddesign völlig unterschiedlich ist, ist die wenig marktschreierische Titelseite. Während die Bergwelten eher daherkommen wie ein angenehmer Spätsommertag, der zu Entdeckungen einlädt, präsentiert sich Terra Mater nüchtern sachlich. Ich kannte beide Zeitschriften vorher nicht, wurde aber dann beim Blättern und Lesen angenehmen überrascht.

Bei den Bergwelten fehlt der alpenvereinshafte, bergführeroberlehrerhafte Stil, statt dessen wird erzählerisch geplaudert in einer Sprache, die leicht lesbar, aber nie schlicht ist; das sprichwörtliche Lesevergnügen stellt sich ein. Auch weil man auf die Schnelle zwischendurch mal eine Geschichte lesen kann. Die Bildsprache ist füllig, aber nicht übertrieben. Raum für Product Placement ist viel, aber nicht aufdringlich. Beispiel: Canyon-Retter stellen ihre Ausrüstung vor, da fallen viele Markennamen des Bergsports, seisdrum, wer macht schon Extreme Canyoning… Optisch ansprechend inszeniert, aber oberflächlich kommentiert die beliebige Auswahl von Fotokameras (aber vielleicht bin ich auch zu Experte.) Modern gemacht dagegen die Ratgeberseiten: mit anschaulichen Skizzen werden etwa fünf Punkte geschildert, die es in Klettersteigen zu beachten gilt. Das abwechslungsreiche aber nie unaufgeräumte oder unübersichtliche Layout trägt seinen Teil zum Lesevergnügen bei. Als prominenter Gastautor ist Reinhold Messner dabei (der über Erstbesteigungskatastrophen philosophiert), das sorgt sicher für zusätzliche Aufmerksamkeit. In Kürze: ich bin auf die nächste Ausgabe gespannt.

Sehr angenehm überrascht war ich auch von Terra Mater. Letztendlich eine Konkurrenz zum Magazin Geo: Geschichten aus aller Welt, die Menschen und menschengemachte Ereignisse in den Mittelpunkt stellen. Auffällig ist das zurückhaltende Layout, das mit relativ viel Weißraum arbeitet und dabei immer einem strengen Layout folgt. Auch hier handelt es sich um angenehmes Lesevergnügen, auch wenn die Themen durchaus kritische sind: ausführlich wird etwa beleuchtet, was der Sojaanbau mit den Menschen in Argentinien anstellt, wo nur wenige reich, aber viele krank davon werden. Beeindruckt hat mich die Infografik, die darstellt wie viele Mannjahre in welches menschengeschaffene Werk geflossen sind. Die Mondlandemission der Amerikaner liegt hier noch vor den Pyramiden von Gizeh – Wikipedia und CERN sind dagegen ein Nichts.

Bei den Bergwelten bin ich schnell hinter den Urheber (Verleger) gekommen, schließlich wird im Heft laufend auf die Bergwelten Sendung in Servus TV hingewiesen. Eine Seite gibt auch eine Programmvorschau – wie gesagt, nicht aufdringlich, sondern informativ.

Überrascht war ich bei Terra Mater, die vom Design so ganz anders daherkommt: Werbung für Uhrenboutiquen in Wien und Automarkenwebseiten mit .at am Ende. Welcher österreichische Verlag gönnt sich so eine aufwändige Zeitschrift. Natürlich auch hier: Red Bull Media House, wie bei Bergwelten.


 

Ich bin positiv überrascht. Während die Branche diskutiert, inwieweit ein Brausehersteller selbst Medien herausgeben darf, um Werbung für sein Produkt zu machen, sehe ich nun eher den „Tchibo-Effekt“: Medienhaus mit angeschlossener Brauseproduktion, statt wie von vielen gedacht und erwartet umgekehrt. Was ist daran so schlecht, muss man sich fragen – auch deutsche Medienkonzerne wie Pro7 Sat1 verdienen mittlerweile fast mehr an ihren Internetaktivitäten, als an TV-Programmen.

Eigentlich ist es doch nur positiv, wenn die Medienlandschaft neue Unternehmer bekommt, die sich unabhängig von Einnahmen aus den Medienprodukten machen bzw. es verstehen durch geschickte Cross-Channel-Medien- und Vertriebsaktivitäten genug zu verdienen, dass (mindestens) zwei so gut gemachte Zeitschriften herauskommen.

PS: Obwohl ich  keinen Fernseher mehr besitze, werde ich jetzt wohl doch mal gezielt Servus TV schauen müssen. Und ich erwarte nicht, dass Red Bull Media House kritisch über sich selbst berichtet. Das müssen wiederum andere tun…

60 Euro für Krautreporter und 120 für correct!v – wer will noch?

Das Dankeschön von "Deiner Korrespondentin" aus Kairo

Das Dankeschön von „Deiner Korrespondentin“ aus Kairo

Post von Sabine Rossi aus Köln: kenne ich nicht. Was ich in dem Umschlag finde, sind zwei in Ägypten von jungen Künstlern gefertigte Untersetzer und eine handgeschriebene Postkarte aus Kairo: „vielen Dank, dass du ‚Deine Korrespondentin‘ unterstützt hast.“ Jetzt erinnere ich mich: das ist das angekündigte Geschenk der Crowdfunding-Kampagne, die ich unterstützt habe. Derzeit werben ja auch die Krautreporter um alte und neue Mitglieder.

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Vor den Vortragssäälen

Ich will doch nur schauen… eine sehr persönliche Abrechnung* mit der #dmexco

Glücksrittertreffen der Online-Werber

Glücksrittertreffen der Online-Werber

Für mich ist es nur Bildschirm-Shopping, aber für die Marketing-Strategen der Beginn einer Customer Journey. Also der Beginn meiner Reise vom zufälligen Gucker bis zum endgültigen Kunden, auf dem mich das Marketing begleiten will. Im Digitalzeitalter tut es das übrigens ohne mich zu fragen. Früher im Laden konnte ich auf die Frage „Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie etwas bestimmtes?“ antworten „Danke. Ich will nur schauen.“ Meistens wurde ich dann in Ruhe gelassen. Nur der Buchhändler meines Vertrauens (der übrigens rechtzeitig vor der Amazon-Krise in Rente gegangen ist) durfte kommen und flüstern „übrigens ich hab da was, das könnte sie interessieren“.

Heute bekomme ich, vielmehr mein Browser, vom Internet-Shop eine Nummer verpasst, ohne dass ich es merke und ohne, dass ich überhaupt etwas kaufe.

*Bitte Disclaimer am Ende des Posts beachten.

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Journalisten und die Eistonne der Fußballer

 

Sehr lustig – aber a bisserl ungeschickt vom Reporter und ebenso ein wenig unprofessionell vom Herrn Mertesacker. Hier hat jeder seine Rolle zu spielen, so ist das Fußball-Business organisiert.

Der Fußballer hat zu kicken und der Reporter Fragen zu stellen. Dafür ist das ein Millionenspiel für alle Beteiligten inkl. FIFA, Sponsoren, Moderatoren, TV-Anstalten und Fernsehwerbern. Dass Mertesacker aus der Rolle gefallen ist, macht ihn sympathisch und authentisch, denn…

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Dritter und letzter Tag: re:publica 2014 #rp14

Affenfelsen draußen

Affenfelsen draußen

Tag drei der re:publica war nochmal geprägt von Bloggern, Journalisten und Grundsätzlichem. Schon jetzt sei vorweggenommen, dass wir am letzten Abend in Berlin bei Bier und Burger schon sehr kleinlich werden mussten, um irgendwas an der Veranstaltung schlecht zu finden; die re:publica war gemessen an den Dimensionen und Inhalten wieder großartig und die Organisation ohne Fehl und Tadel. Da kommen viele Anregungen sowie aufgefrischte und neue Kontakte mit nach Hause (aber dazu an anderer Stelle hoffentlich bald mehr).

Für mich begann der Tag erneut mit dem obligatorischen zweiten Cappuccino, der sich um kurz vor zehn wieder schnell organisieren lies (von dem freundlichen Servicepersonal von monotone). Dem Andrang merkte man an, dass es sich um den dritten Tag der #rp14 handelte, denn der lies um die Zeit noch sehr zu wünschen übrig. Statt übervoll war die erste Session „nur“ gut gefüllt. Das sollte sich aber im Laufe des Tages ändern.

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re:publica – so war der erste Tag

Das re:publica Motto dieses Jahr

Das re:publica Motto dieses Jahr

Vorweg sei gesagt: ich habe es tatsächlich geschafft, alle Sessions zu besuchen, die in meinem Plan standen, bis auf eine. Das heißt also für Dienstag durchgehendes Programm von 10 bis 21 Uhr. Zwei wesentliche Beobachtungen dabei: Veranstaltungen, die sich eher an Tecchies (oder Nerds) richteten, waren besser besucht als Sessions, die sich mit der EU oder Gesamteuropa beschäftigten (für mich auch sehr bezeichnend, dass es offenbar selbst unter der Netizens eine Art EU-Müdigkeit gibt). Hier nun meine Sessions sätzeweise zusammengefasst:

Anstehen für das Willkommen

Anstehen für das Willkommen

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1.373 Einwohner und Einbrecher bezahlen noch für Bier!

Nicht mehr ganz aktuell, aber zu schön, um ganz vergessen zu werden- Aus der Mariposa Gazette vom 23. September 2010.

Mariposa ist ein kleiner Ort in Kalifornien auf dem Weg Richtung Yosemite National Park. Demzufolge lebt man dort hauptsächlich vom Tourismus, was vor allem viele Restaurants, Bars und Diners an der Hauptstraße bedeutet. Trotz der geringen Einwohnerzahl und abgeschiedenen Lage, gibt es leider Kriminalität, über die die örtliche Zeitung natürlich berichten muss. Unter der Schlagzeile: Höflicher Einbrecher zahlt für Bier, schreibt die Gazette (von mir gekürzt) auf der Titelseite Folgendes:

Als die County Sheriffs am Tatort eintrafen, stellten sie fest, dass ein oder mehrere Verdächtige das Haus auf ungesetzliche Weise betreten hatten. Zum fraglichen Zeitpunkt war das Haus nicht abgeschlossen [klar in der Gegend]. Das Opfer zeigte an, dass ungefähr [!] zehn Dosen Bier verschiedener Sorten [!] im Gesamtwert von 15 Dollar fehlten. Das Bier wurde auf dem Grundstück konsumiert und auf dem Picknicktisch an der Rückseite des Hauses wurde Müll zurückgelassen [vermutlich Bierdosen…?]. Im Haus wurde sonst nichts verändert oder gestohlen, die Tür war geschlossen, als das Opfer zurückkehrte. Irgendwie musste den oder die Täter aber ein gewisses Schuldgefühl plagen, denn unter einer Kerze am Picknicktisch wurde ein Zehndollarschein zurückgelassen. Die Sherrifs gingen davon aus, dass die zurückgelassenen Gläser verwendet wurden, um das Bier zu trinken [stilvoll, tun Amerikaner so etwas?], weshalb diese auf Fingerabdrücke untersucht wurden.

In der Gegend scheint die Welt noch in Ordnung, wenn man von den weiteren Meldungen aus dem Polizeibericht in der Woche vom 13. bis 19. September ausgeht:

  • Agressive Hunde in der Colorado Road
  • Ein Bulle auf der Granite Springs Road
  • Eine Schildkröte [!] wurde auf der Davis Road gefunden
  • Ein Bär [das ist was für Touristen] war in einem Hof in East Whitlock
  • Ein verdächtiger Brief [was auch immer das ist] wurde in McClure Point empfangen
  • Es gab ein Beutelrattenproblem im 49er Trailer Park
  • Eine Schießerei [endlich!] wurde aus der Ashworth Road gemeldet
  • störende Studenten [sowas gibts da auch? oder sind Schüler gemeint?] an der Buswendestelle
  • Ein Bär [noch einer!] in einem Baum bei einem Haus im Cathey’s Valley

Und natürlich diverse häusliche Zwistigkeiten, ein Traktordiebstahl, ein Autounfall und Beamte konnten einen Selbstmordversuch verhindern – wie erfreulich!

Wer noch mehr Dinge lesen will, die die Welt nicht bewegen, die aber für die wichtig sind, die dort leben: www.mariposagazette.com  (Nach eigenen Angaben die einzige Zeitung, die in Kalifornien seit 1854 ohne Unterbrechung publiziert wird.) Viel Spaß!