Unterwegs mit dem Elektroroller: Gotteslästerung oder nur Götterdämmerung?

Govecs S14 Elektroroller mit Wechselakku

Govecs S14 Elektroroller mit Wechselakku

„Was soll ich mit einem Elektrogefährt, das fährt ja keine 100 Kilometer?“

Das ist der erste Kommentar, den ich zum Thema Elektromobilität bekomme. Der Zweite:

„Das dauert ja Stunden, bis der wieder aufgeladen ist, nur um dann…“

– siehe Kommentar eins. Stimmt beides – vielleicht nicht für das High-end-Modell von Tesla, dem derzeitigen Image-Führer in Sachen Elektroautos. Für den neuen Geländewagen, pardon SUV natürlich, werden Gerüchte gestreut, die  von bis zu 400 Kilometer Reichweite sprechen. Hilft nix, aufgeladen werden muss die Batterie trotzdem. Den Gott „Fahrzeug mit Verbrennungsmotor“ freut beides natürlich. Denn das sind seine Stärken: Reichweite und Tankstellen. Trotzdem habe ich mich gefreut, die Chance zu haben, einen E-Roller ausprobieren zu können.

Wer mich verfolgt, hat vielleicht mitbekommen, dass ich hauptsächlich elektrisch oder mit Muskelkraft unterwegs bin, nicht mit dem eigenen Auto oder Roller, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Rad (ohne E). Grund dafür ist einfach, dass ich in der Stadt wohne und Stationen zweiter U-Bahnlinien quasi vor der Haustür habe. Eine davon bringt mich in zehn Minuten zum Hauptbahnhof, damit habe ich die Chance, auf ein Auto zu verzichten, da der Zug bzw. die U- oder S-Bahn immer in der Nähe ist.

Zumindest, solange nicht ein Lasterfahrer morgens um fünf die Brücke meiner S-Bahn kaputt fährt. Meine Fahrzeit zum Arbeitsplatz verlängert sich durch den Ausfall der S-Bahn damit einfach mal um 30 Minuten oder fast 100 Prozent. Alleine mit dem Fahrrad bin ich schon fast so schnell, wie mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Trotzdem hat es mich gereizt, den E-Roller aus dem Büro mal auszuprobieren. Statt selbst strampeln nur die Gashand bewegen, verlockend.

Elektroroller: problemlos auch für Ungeübte

Hier ein Bild der Testfahrt in der Tiefgarage, natürlich war ich „in the wild“ dann mit Helm unterwegs:

Die Einweisung in den Elektroroller S14 von Govecs* geht denkbar schnell: Schlüssel einstecken, drehen, und dann Fahren wählen und los gehts. Wie sagte der Kollege: „Wer Fahradfahren kann, kann auch den Roller fahren.“ Das stimmt. Natürlich gibt es noch einen Blinker, also vier Blinklichter, einen Scheinwerfer (standardmäßig abgeblendet eingeschaltet) und Rücklicht sowie eine Eco-Taste und eine Hupe.

Danke E-Antrieb: Lautloses gleiten

Letztere ist wichtig, vor allem um in das Smartphone blickende Fußgänger beim Überqueren der Straße zu erschrecken. Das faszinierende an dem E-Roller ist nämlich seine Lautlosigkeit. Erschrocken springen Leute zur Seite, wenn man plötzlich leise aber spritzig losfährt; an der Ampel schauen Fußgänger verwundert, dass man mit einem lautlosen Roller im Verkehr mithalten kann. Das geht bei dem Modell gut innerorts, bis ca. 50 Stundenkilometer. Bei 48 ist nämlich laut Tacho schluss. Auf meiner rund fünf Kilometer langen Überlandstrecke, beschränkt auf Tempo 70, Überholverbot, außer bei Traktoren, kam ich mir schon ein bisschen wie ein Verkehrshindernis vor, aber es gibt natürlich auch schnellere (und teurere) E-Roller, nicht nur von Govecs.

Ohne Roller- oder gar Motorraderfahrung war es für mich gewöhnungsbedürftig, beim Abbiegen nicht zu früh Gas zu geben, da man sonst in der Kurve zu schnell wird, dank des Beschleunigungsverhaltens des Elektrorollers. Ansonsten gleitet man sehr komfortabel dahin. Als ich nach knapp 14 Kilometern daheim ankam, stand die Ladeanzeige bei der Hälfte und damit deutlich am unteren Ende der angegebenen Reichweite (30 bis 50 km). Das mag an der Überlandstrecke mit zwei kleinen Steigungen liegen.

Herausforderung: Batterie laden

Dann kam das Erstaunliche: ich hatte keine Chance, den Roller zu laden. In meinem Mehrfamilienhaus, ca. 35 Parteien in der gesamten Anlage, keine einzige öffentlich zugängliche Steckdose. Das Laden im Kellerabteil war auch nicht möglich, da der Roller dazu nicht nur in den Keller, sondern auch in den Gang gemusst hätte, der dadurch versperrt gewesen wäre.  Zwar bietet der Govecs S14 die Möglichkeit schnell und einfach die Batterie (15kg) zu entnehmen, um sie in die Wohnung mitzunehmen – dort benötigt man allerdings ein entsprechendes Ladegerät über das ich leider nicht verfügte. Also blieb mir nichts anderes übrig, als am nächsten Morgen mit halber Ladung der Batterie zu starten.

Ich vor dem Govecs S14 Elektroroller

Ich vor dem Govecs S14 Elektroroller

Mit dem geschärften Blick fiel mir dann auf, wie wenig geeignete Steckdosen es gibt. Keine in der Tiefgarage im Büro, keine zu Hause. Da sind noch erhebliche Infrastrukturinvestitionen fällig, zumal, wenn dann auch noch nach Verbraucher abgerechnet werden muss. Ganz zu schweigen von den mobilen Steckdosen für die Duplex-Garagen. Sollte sich die Elektromobilität auch nur auf niedrigem Niveau durchsetzen, wird es dafür noch erheblichen Umbaubedarf in Mehrfamilienhäusern und an öffentlichen Plätzen geben – nicht jeder nennt schließlich eine Doppelgarage mit Doppelsteckdosen sein eigen.

Reichweite: gerade ausreichend für mich

Die Rückfahrt ins Büro am nächsten Morgen gestaltete sich entsprechend spannend: wird die Ladung reichen? Der letzte Balken verschwand auf der Ladeanzeige, gleichzeitig ging ein rotes Licht an und da hat ich noch knapp vier Kilometer vor mir. Ich rechnete schon damit, den Roller abstellen zu müssen, kam aber ohne Einbußen an Leistung noch bis in die Tiefgarage. Damit dürfte der Akku nach ziemlich genau 30 Kilometern erschöpft gewesen sein.

Trotz Warnlampe und null Balken: 4 km waren noch drinnen.

Trotz Warnlampe und null Balken: 4 km waren noch drinnen.

Damit fühlen sich die E-Mobilitätskritiker natürlich bestätigt. Dennoch muss ich festhalten, dass das für den innerstädtischen Verkehr natürlich eine Option ist. Wer Kurzstrecken nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen will, ist damit gut bedient. Auch im kommerziellen Einsatz, z.B. bei Liefer- und Kurierdiensten im Innenstadtbereich, sind die E-Roller damit eine Alternative. Die direkte Kosten liegen unter entsprechenden Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor.

Spannend, aber nicht entschieden: die Kostenfrage

Nicht eingearbeitet habe ich mich allerdings in die Kosten für den Akku. Diese sind teuer und verlieren angeblich schnell an Leistungsfähigkeit, so dass sie oft ausgetauscht werden müssen. Govecs gibt für den Akku eine Lebensdauer von 50.000 Kilometern an. Gleichzeitig hat jedoch der Elektromotor eine wesentlich geringere Verschleißanfälligkeit als der Verbrenunngsmotor – wie ein langfristiger Kostenvergleich daher aussieht? Ehrlich gesagt: keine Ahnung.

Ich wäre trotzdem dafür, in die Berechnung auch Aspekte, wie Umweltbelastung durch Lärm und Abgase einzuführen. Warum nicht in einer Stadt wie München die Altstadt nur noch für Elektro-Fahrzeuge erlauben bzw. Hybrid-Fahrzeuge mit angeschaltetem Elektromotor? Wenn man schon in der Innenstadt nicht auf das Auto verzichten kann, wäre das zumindest eine Entlastung. Solange die Gesellschaft aber in großer Mehrheit bereit ist, die Gesamtkosten für die grenzenlose individuelle Mobilität zu tragen, dürfte das auch nur ein Traum bleiben. Die Götterdämmerung ist also noch sehr dunkel.

Im Übrigen fahre ich natürlich auch ab und zu in der Stadt mit dem Auto, am liebsten im Sommer mit einem Mini Cabrio von Drive Now, dem Spontan-Miet-Service von BMW. Mit dem kann man übrigens auch in aller Früh zum Flughafen fahren, wenn der Verkehr noch nicht so dicht ist.

Ich halte mich außerdem, zumindest ab und zu, an die Muskelkraft und bin entsprechend ihrer Reichweite und meiner Verpflegung flexibel.

Will nicht in der dunklen Tiefgarage parken: Mein Fahrrad.

Will nicht in der dunklen Tiefgarage parken: Mein Fahrrad.

* Das Unternehmen Govecs ist Kunde meines Arbeitgebers, der PR-Agentur vibrio. Ich bin derzeit im Tagesgeschäft nicht direkt mit dem Kunden befasst.

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Eine Antwort auf Unterwegs mit dem Elektroroller: Gotteslästerung oder nur Götterdämmerung?

  1. Ugur sagt:

    Will man Elektromobilität etablieren, so geht das am besten mit Zweirädern. Voraussetzung ist allerdings, dass der Akku abnehmbar ist und mit in der Wohnung getragen und dort geladen werden kann. Als City-bewohner kann man auf große Reichweite wie 70 bis 100km ebenfalls verzichten. Da reichen 30 bis 50km völlig aus.

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