Das Dilemma des Bloggers liegt in einem seltsamen Widerspruch, der sich fast zwangsläufig aus der eigenen Biografie ergibt: Wer bloggt, ist in der Regel jemand, der gerne schreibt. Die meisten Blogger, die ich kenne, sind Journalisten, Texter oder Menschen mit einer ausgeprägten Berufung zum Publizieren. Gleichzeitig braucht man für den Betrieb eines eigenen Blogs eine gewisse Affinität zu technischen Spielereien – zumindest genug, um einen Server aufzusetzen, ein Theme anzupassen oder einen Kommentar-Spam-Filter zu konfigurieren. (Es gibt auch ein paar Technik-Freaks aus anderen Branchen, die ihren Blog, teilweise sogar aus kommerziellen Gründen, betreiben, und ihre Nerdigkeit sogar in der Blog-Technik ausleben – von ihnen kann man viel lernen, siehe beispielsweise den GPSRadler.)

Das klingt nach einer guten Kombination. Ist es auch – in der Theorie.

In der Praxis haben genau diese Menschen oft den vollen Terminkalender. Wer beruflich mit Texten zu tun hat, bringt abends selten noch die Energie auf, auch privat in die Tasten zu hauen. Das Ergebnis kennt jeder, der schon länger in der Blogosphäre unterwegs ist: Blogs, die einst mit großem Enthusiasmus aufgebaut wurden, in die viel Hirnschmalz für die Auswahl des richtigen Designs und der passenden Elemente geflossen ist – sie fangen langsam an zu verstauben.

Ab und zu gibt es dann Wiederbelebungsversuche der Blogosphäre. Ein Barcamp steht an, eines der selten gewordenen Bloggertreffen, ein besonderer Anlass, wie die re:publica 26 #rp26 mit Bloggertreffen – und plötzlich erwacht der alte Enthusiasmus für ein paar Wochen. Aber der Blog ist eine Langstrecke. Und Langstrecke bedeutet: Es zählt nicht der Anlauf, sondern die Ausdauer (siehe #Ironblogger).

Hinzu kommt, dass das Internet längst nicht mehr den Blog als einzige Publikationsplattform kennt. Vor allem in den letzten Jahren sind Newsletter als starkes zweites Element hinzugekommen. Newsletter haben den unschlagbaren Vorteil, dass sie Abonennten aktiv erreichen und nicht umgekehrt, Intressenten selbst mal wieder beim Blog vorbeikommen müssen. Dienste wie Steady oder Substack vereinfachen die Newsletter-Veröffentlichung erheblich – und genau das ist der Knackpunkt. Denn niedrige Hürden verführen.

Aber hier liegt die nächste Falle: Wer auf eine Fremdplattform setzt, gibt etwas auf, das das Bloggen einst so attraktiv gemacht hat: die Souveränität. Man war Herr über den Inhalt und die Technik. Der einzige, von dem man abhing, war der Hosting-Provider – und die sind heute in aller Regel zuverlässig. Sobald man aber wieder auf einer Plattform publiziert, die man nicht selbst betreibt, ist man abhängig von Lust und Laune des Anbieters. Und diese Laune kann schwanken – mal ändern sich die Geschäftsbedingungen, mal die Algorithmen, mal verschwindet der Dienst ganz.

Ich wollte das hier einmal aussprechen – aus aktuellem Anlass, weil dieser Blog trotz allem noch verlinkt ist und in der Vergangenheit manchmal überraschend weit geflogen ist. Das merkte man immer dann, wenn plötzlich doch eine Reaktion kam, obwohl man das Gefühl hatte, ins Leere zu schreiben. Einmal bekam ich sogar einen Anruf von einem Leser, der den Blog schätzte, aber weder kommentieren noch eine Mail schreiben wollte – und deshalb ganz altmodisch zum Telefonhörer griff.

Also: Es lebe das Bloggen.

PS: Bis hierhin habe ich meine gesprochenen Notizen von claude.ai in einen lesbaren Text umwandeln lassen, an dem ich nachher noch geschraubt und ergänzt habe.

PPS: Ich habe gerade den Beitrag von Alexander Matzkeit über die Blogosphäre gelesen – ein melancholischer Rückblick, eine Blick in eine Vergangenheit, die nicht mehr kommt. „Local Heroes“, gab es neben den Bloggergrößen aus Berlin auch in München: Bloggertreffen, Ironblogger, Social Media Club, Blog’n Burger usw. (siehe Fußzeile dieses Blogs) Aber irgendwie ist die Luft raus. Dieser gemeinsame Spirit, durch das selbstbestimmte Publizieren mittels Blog das Internet zu einem besseren Ort zu machen… schade, dass ich es nicht mehr auf die re:publica schaffe. Ich würde zu gerne erfahren, ob ich den Stimmungsumschwung auch dort spüren würde.

PPPS: Dieser Blog mutierte auch mal fast zum Fotoblog (nachdem er als Weinblog gestartet war). Deshalb illustriere ich den Blog auch mit meinen eigenen Fotos: Minus 10 Grad am Chiemsee Anfang Januar 2026 soll die ausgekühlte Blogosphäre symbolisieren. Alle Rechte an den Bildern des Blogs liegen bei mir, sofern nicht anders ausdrücklich angegeben!

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