Katastrophe, welche Katastrophe? Es darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass die Witterung nicht nur in Traunstein, sondern in vielen alpennahen Teilen Bayerns und Österreichs, fast zu Katastrophen geführt hat. Eine liebe Bekannte „unterm Hochfelln gegenüber“, hat einen ausführlichen Twitter-Thread verfasst darüber, warum die Schneemengen dieses Mal ausnahmsweise auch für wintererprobte Regionen ein Problem sind oder waren (auch wenn der als Wetterfrosch geschätzte Experte Kachelmann das nicht einsehen will).

Auch bei uns wurde die Zufahrt zum Haus enger und enger und die Schneeberge mussten durch hineinspringende und hinunterrutschende Kinder immer wieder komprimiert werden, um mit Schneeschaufeln erreichbaren Platz für neue Schneemengen zu schaffen (Eine Schneefräse hätte mangels Platz auch nichts genutzt, wohin soll man den Schnee denn fräsen? An eine Abholung des Schnees mit Radlader, Laster oder Traktor war nicht zu denken, wer hätte dafür schon Zeit.)
Im Neubau verließen wir uns auf die Dachkonstruktion; nachdem wir uns für die Gebäudeversicherung schon mit Hochwasser beschäftigen mussten (nur Zürs 2), verstehen wir nach den anderthalb Tagen Dauerschneefall auch besser, wie die Schneelast berechnet wird. In Kürze: Es macht einen erheblichen Gewichtsunterschied aus, ob man einen Kubikmeter Pulverschnee, einen Kubikmeter Nassschnee oder eine zehn Zentimeterdicke Eisschicht auf dem Dach hat. Gefürchtet haben sich die Katastrophenschützer diesmal vor der Kombination aus Schneemenge und folgendem Regen und weiterem Schnee.

36 Stunden Schneefall fast ohne Unterbrechung, so kam es einem vor. Mal dichtere, mal größere mal kleinere Flocken, aber ohne Ende.
36 Stunden Schneefall fast ohne Unterbrechung, so kam es einem vor. Mal dichtere, mal größere mal kleinere Flocken, aber ohne Ende.


Gleichzeitig war es ein nachvollziehbares Problem, die in kurzer Zeit gefallenen Schneemengen so zu beseitigen, dass wichtige Straßen, Zufahrten und Wege freiblieben. Von Mittwoch auf Donnerstag schaufelten wir ca. fünf Stunden und bis zu drei Mal täglich, Nachbarn haben sogar rund um die Uhr die Zufahrt freigehalten. Die größten Schneemengen waren zum Glück Pulverschnee, der sich leicht per Schaufel verteilen ließ.


Noch heute, eine Woche später, sind die Gehwege in unserem Umfeld vielfach unpassierbar [Update 17.1.19: mittlerweile an vielen Stellen geräumt], insbesondere Engstellen wie Brücken sind für Fußgänger nur über die Straße zu überqueren. In Seitenstraßen herrschen teilweise noch chaotische Verhältnisse bei denen Schneeberge umfahren werden müssen und Autos in Spurrillen aus Eis und Matsch rutschen. Aber es wird weiterhin eifrig daran gearbeitet, die öffentlichen Wege freizuräumen.
Nachdem es nicht mehr schneit, zuckt man auch nicht mehr zusammen, wenn man die Martinshörner der Hilfskräfte hört – man fürchtet keinen Dacheinsturz mehr. Insgesamt war es schon ein beruhigendes Gefühl, die Menge der Feuerwehren, DLRGler und THWler in Traunstein zu wissen, auch wenn wir von größeren Gefahren zum Glück nicht direkt betroffen waren. Aber direkt gegenüber von uns wurden sowohl Samstagvormittag als auch Nachmittag Dächer durch die Feuerwehr abgeräumt.

Überall sah man Feuerwehrleute, Feuerwehrautos, Feuerwehrleitern: angeseilt schoben sie den Schnee von den Dächer, wo es dringend nötig war.
Überall sah man Feuerwehrleute, Feuerwehrautos, Feuerwehrleitern: angeseilt schoben sie den Schnee von den Dächer, wo es dringend nötig war.


Sehr angenehm, fast schon touristisch, war für nicht direkt betroffene der Freitag. Vormittags bei strahlendem Sonnenschein kamen immer mehr Hilfskräfte an, in Traunstein unter anderem Freiwillige Feuerwehren aus dem Landkreis Freising. Wir trafen sie am Stadtplatz an, wo die Kinder den zusammengeschobenen Schnee als Naturrutschbahnen nutzten. Der Schnee glitzerte, nur wenige Autofahrer trauten sich in die Stadtmitte, viele Eltern waren mit den Kindern unterwegs.


Achja, die Kinder: weil eben der Schnee große Teil der Straßen, Gehwege und Bushaltestellen blockiert, sind die Weihnachtsferien kurzerhand um zwei Wochen verlängert worden – das, wenn man für einen Skiurlaub gewusst hätte (dann würde man allerdings jetzt festsitzen, wenn man Pech hat, wie in Saalbach-Hinterglemm oder Balderschwang oder Lech). Da die digitalen Fähigkeiten des Schulsystems in Bayern (Deutschland?) noch nicht sehr ausgeprägt sind, hatten die Schulkinder tagelang nichts zu tun, außer weiter auszuschlafen und im Schnee herum zu tollen. Erst nach Tagen trudelten die ersten Aufgaben per E-Mail und zum Download ein… aber das ist schon wieder ein anderes Thema…

Mittwoch und Donnerstag, 9./10.1., waren die Tage mit dem meisten Schnee. Dafür waren die Eindrücke am Freitag umso imposanter. Blick von der Unterstadt auf eine Fassade der Oberstadt in Traunstein.
Mittwoch und Donnerstag, 9./10.1., waren die Tage mit dem meisten Schnee. Dafür waren die Eindrücke am Freitag umso imposanter. Blick von der Unterstadt auf eine Fassade der Oberstadt in Traunstein.

Für Einheimische: wie waren eure Erfahrungen mit dem vielen Schnee? Für Leser außerhalb der betroffenen Alpenregionen: wie hat die Berichterstattung in den Medien auf euch gewirkt – wir fanden sie aufgeregter, als es (zumindest bei uns) tatsächlich war. In dem Sinne möchte ich auch auf ein Zitat des Traunsteiner Landrats Siegfried Walch auf ntv verweisen, das den Begriff „Schneechaos“ differenziert:

Wenn der Begriff suggeriert, dass nichts funktionieren würde, dann ist er sicherlich falsch. Wir sind ein großer Landkreis. Im nördlichen Teil gibt es momentan gar keine Beeinträchtigung. Aber das muss von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich bewertet werden. „Chaos“ ist nicht mein „wording“. Das alltägliche Leben ist in Teilen eingeschränkt, aber die Bevölkerung und die Einsatzkräfte gehen damit professionell um. Der Einsatz läuft geordnet ab. Es gibt in diesem Sinne also kein Chaos. Das Leben läuft normal weiter.

Am Tag 7 nach Beginn der heftigen Schneefälle werden die Gehwege freigemacht, so dass die Kinder am Montag wieder sicher zur Schule können. Der Dank gilt den geduldigen Schneepflug- und Lasterfahrern, die sich mit ungeduldigen Anwohnern und Autofahrern herumschlagen müssen.
Am Tag 7 nach Beginn der heftigen Schneefälle werden die Gehwege freigemacht, so dass die Kinder am Montag wieder sicher zur Schule können. Der Dank gilt den geduldigen Schneepflug- und Lasterfahrern, die sich mit ungeduldigen Anwohnern und Autofahrern herumschlagen müssen.

5 Comments on “Traunstein – ein Wintermärchen, oder nicht?”

    • Freut mich zu hören, so soll es sein. Differenziert muss es sein, schließlich ist die Lage offenbar wirklich von Ort zu Ort und Gebäude zu Gebäude unterschiedlich. Ich kann also nur wirklich berichten, was um uns herum passiert ist.

  1. Vielen Dank für diese Schilderungen, Deine Beobachtungen und Eindrücke. Immer wieder wohltuend, so etwas unaufgeregt und differenziert aus erster Hand zu lesen/hören.

    Eine Anmerkung zu Meister Kachelmann:
    Ich beobachte schon länger, dass er auf Twitter kaum eine Gelegenheit auslässt, gegen die klassischen Wetter/Klima-Medien zu polemisieren, wo er nur kann. Dabei schießt er leider allzu oft übers Ziel hinaus. Es wirkt wie aus seiner tiefen Verletzung und Kränkung, die er durch die Medien erfahren hat, motiviert.
    Und leider eben nicht viel mehr als das.

    • Hallo Lutz, freut mich von dir zu hören. Danke für das Feedback. Es sollte uns Blogger ja auszeichnen, dass wir den persönlichen Blick einnehmen dürfen. Ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen, für den gesamten Landkreis Traunstein zu sprechen, nichtmal für die gesamte Stadt. Außerdem haben wir uns während des Schneefalls zu Hause eingeigelt (ein-ge-igelt). Zum „Meister Kachelmann“: ja mir fällt auch auf, dass er auf Twitter oft einen Stil nahe der Gürtellinie pflegt; diese Enthemmung auf Social Media mag ich eigentlich gar nicht. Damit ist niemandem geholfen und die Polarisierungsspirale wird nur weiter angeheizt. Nicht zuletzt durch die Wiederaufnahme seiner Moderatorentätigkeit ist Kachelmann ja auch wieder eine öffentliche Person, von der erwarte ich eigentlich schon etwas Zurückhaltung und Vorbildcharakter, auch in sozialen Medien.

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